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Das Kreuz mit der chinesischen Kunst

Minh An Szabó de Bucs Source: Neue Zürcher Zeitung, 13.Juni 2016 2016-06-15

Der zurückhaltende Maler gilt in der breiten Wahrnehmung als der wohl am wenigsten spektakuläre chinesische Zeitgenosse. Gänzlich unbekannt ist Ding Yi aber nicht. Letztes Jahr rangierte er laut Artprice auf Platz 463 unter den weltweit begehrtesten Künstlern auf dem Auktionsmarkt. 2011 wurde bei Sotheby's in Hongkong ein schwarz-weisses Gemälde von 1990 für über 1,9 Millionen Dollar versteigert. 2015 ehrte ihn das Long Museum Shanghai mit einer Einzelausstellung. Dieses Jahr zieht das Hubei Museum in Wuhan mit einer grossen Retrospektive nach. Und nun der Ritterschlag in Basel. An der diesjährigen Ausgabe zeigen die Galerien Shanghart (Schanghai) und Waldburger Wouters (Brüssel) in der Sektion Art Unlimited eine grossformatige Papierarbeit.

Freiheit durch Reduktion

Für seinen Auftritt am Rheinknie hat der 54-Jährige eine Zeichnung von enormer Grösse angefertigt: Die Arbeit misst beachtliche 5 mal 11 Meter. Das mit schwarzer Kohle grundierte japanische Reispapier ist mit Abertausenden kleiner Kreuze übersät, in leuchtend gelber, grüner, blauer und pinkfarbener Kreide freihändig und akkurat nebeneinandergesetzt. «Ich habe fünf Monate lang jeden Tag 14 Stunden an diesem Bild gearbeitet – mit einer fünfzehnminütigen Mittagspause.» Der Maler lächelt, als wäre ein solcher Schaffensprozess das Natürlichste der Welt.

Ding Yi beginnt ohne Vorzeichnungen nur mit einer vagen Vorstellung vom Bildaufbau. Dann setzt er seine Kreuze nebeneinander, intuitiv und diszipliniert zugleich. Erst am Ende eines Arbeitstags tritt er zurück, um die Gesamtwirkung zu betrachten. Ding Yis Arbeitsweise zeugt von grosser Beharrlichkeit. Diese ist ihm reichlich gegeben. Seit 30 Jahren schon malt er seine abstrakten Bilder, die ausschliesslich aus den beiden Zeichen + und × bestehen. Ähnlich dem Binärcode der Computersprache, der durch unendliche Repetitionen und Abwandlungen alle nur denkbaren Informationen darzustellen vermag, erzeugen Ding Yis Kreuze vielschichtige Gebilde.

Die radikale formale Beschränkung erlaubt Ding Yi ein Maximum an gestalterischer Freiheit. Er experimentiert mit verschiedensten Materialien und Untergründen, immer aber sind die kleinen aneinandergereihten Kreuze sein Vokabular. Das Kreuz an sich hat dabei keine Bedeutung für ihn. «Ich benutze es wie einen Pinselstrich», dementiert Ding Yi trocken die Interpretationsversuche seiner Bilder mittels der aufgeladenen Symbolik, die das Kreuz in der westlichen Ikonografie aufweist. Auch die Ähnlichkeit mit chinesischen Zeichen hat keine Relevanz. Es geht ihm um reine ästhetische Reduktion, nicht um Sinn. Das geht so weit, dass er sogar seinen eigenen Namen von jeglichem Sinn befreite. Den ursprünglichen Namen Ding Rong ersetzte er kurzerhand durch Ding Yi, da das Zeichen für Yi nur aus einem einzigen Pinselstrich besteht und keinerlei Bedeutung besitzt.

Ding Yis Beharrlichkeit überschreitet mitunter die Grenze zum Obsessiven. So fing er zum Beispiel 1998 an, mit fluoreszierenden Farben zu experimentieren. Alle zwei Stunden musste er pausieren, weil ihm die Augen von der Leuchtkraft schmerzten. Doch er ertrug es zwölf Jahre lang, ehe er zur Entlastung seiner Augen zu Schwarz und Weiss überging. Wenn man ihm in persona begegnet, ist jedoch von Besessenheit nichts zu spüren. Durch seine schwarz umrandete Brille blicken zwei klare Augen. Er strahlt heitere Ruhe aus. Woher nimmt er diese Kraft? «Das Arbeiten beruhigt mich. Für mich ist es wie Meditation.» So sind auch seine Bilder zu lesen: ein Ausdruck von Spiritualität und Einsicht, in mönchischer Disziplin erschaffen.

Verkannt, stolz und dickköpfig

Er begann mit einem ersten Studium des Kunsthandwerks in Schanghai. Danach absolvierte Ding Yi ein zweites Studium in traditioneller chinesischer Malerei. Just in dieser Zeit fand die Öffnung Chinas statt. Westliches Gedankengut, Literatur, vor allem aber westliche Kunstströmungen gelangten nach China und wurden von den Kunststudenten gierig aufgesogen. Die jungen Künstler befreiten sich vom sozialistischen Realismus, der zehn Jahre lang die Kunst der Kulturrevolution dominiert hatte, und experimentierten wild mit Pop-Art, Collagen, Installationen, Minimalismus, Performances und Happenings. Jeder hatte eine politische oder gesellschaftliche Botschaft mitzuteilen.

In dieser Aufbruchsstimmung malte Ding Yi 1988 seine ersten beiden abstrakten Bilder, die absolut nichts aussagen wollten. Obwohl er die Kritik seiner Kollegen auf sich zog, dass nämlich seine Arbeiten mehr Grafikdesign als Kunst seien, setzte er seinen Weg unbeirrt fort. «Ich war stolz und dickköpfig. Ich war überzeugt, dass nicht meine Kunst schlecht war, sondern dass meine Landsleute nicht bereit dafür waren», gesteht der Maler seine damaligen Beweggründe.

Es waren dann auch europäische Kunstkenner, die sein Potenzial erkannten. Hans van Dijk stellte ihn 1993 in der legendären Gruppenschau «China Avantgarde» im Berliner Haus der Kulturen der Welt aus. Im selben Jahr folgte die Teilnahme an der Biennale in Venedig. Der Schweizer Lorenz Helbling weihte 1996 seine Schanghaier Galerie Shanghart mit Ding Yis Werken ein. Die erste Einzelschau ausserhalb Chinas richtete ihm 2002 Patrick Waldburger in Berlin aus. Diesen beiden Männern, Helbling und Waldburger, hält Ding Yi bis heute seine Treue.

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